Die vergessene Ölpest. Clean Up the Niger Delta.
Shell muss eine Milliarde Dollar zur Reinigung bezahlen
Nigeria, im Westen Afrikas mit der Hauptstadt Abuja, ist mit ca. 924.000 km² eines der größten Länder dieses Kontinents. In 32 Bundesstaaten mit ca. 150 Mio. Menschen gibt es ungefähr 400 verschiedene Ethnien und Sprachen. Die Volksgruppen Haussa, Yoruba und Ibo machen etwa 60 % der Bevölkerung aus, 50 % sind Muslime, 45 % Christen und 5 % andere Glaubensrichtungen. Seit 1960 ist Nigeria ein unabhängiger Staat, seit 1999 Präsidialdemokratie und Sitz der ECOWAS (The Economic Community Of West African States).
In letzter Zeit ist das Land durch die blutigen Anschläge der radikalislamischen Sekte Boko Haram im Nordosten Nigerias in den Schlagzeilen. Weniger bekannt ist die Tragödie im Niger-Delta, die schon Jahre währt. Aufsehen erregte diese Region 1995 mit der Hinrichtung des Schriftstellers und Umweltschutzaktivisten Ken Saro Wiwa und acht seiner Gefährten.
1956 wird in Nigeria Erdöl entdeckt. Der Staat ist der größte Produzent Afrikas,weltweit die Nr. 12. Die Ölförderung macht 80 % der Staatseinnahmen aus, geschätzte 600 Milliarden US-Dollar. Es gibt 5000 Bohrquellen und 7000 km Leitungen. Firmen, die in Nigeria Öl fördern,sind Shell, Total, ENI, Chevron und ExxonMobil. Größter ausländischer Investor ist die Shell Petroleum Development Company (SPDC), Tochter von Royal Dutch Shell. Allein SPDC operiert auf einem Gebiet von 31.000 km², etwa Nieder- und Oberösterreich zusammen.
Trotz großer Ölvorkommen ist das Niger-Delta extrem unterentwickelt. 30 Mio. Menschen leben dort, 60 % von Landwirtschaft und Fischerei. Die Lebenserwartung ist um zehn Jahre geringer als in anderen Teilen Nigerias. Sicherheitsmängel und Armut begünstigen Sabotage undRaub. Seit 2004 werden militante Widerstandsgruppen immer mehr. An den Leitungen gibt es vermutlich 300 Lecks im Jahr. Diese gelten als Hauptgrund für die massive Umweltverschmutzung in dieser Region. Geschätzte 2 Mio. Tonnen Rohöl gelangten bisher ins Ökosystem. ExpertInnen halten die Dunkelziffer für weitaus höher. Aus Förderanlagen wird verseuchtes Abwasser in die Flüsse geleitet. Wenn überhaupt, starten die Unternehmen erst Monate später mit einer teilweisen, meist inadäquaten Reinigung.
Bei der Vergabe der Förder- und Produktionsverträge erhalten Unternehmen automatisch Zugang zu Land. Lokale Gemeinden haben kein Recht auf die Gas- und Ölvorkommen auf ihrem Grund. Die Kontrolle der Erdölförderung ist mangelhaft. Gesetze und Vorschriften zur Einhaltung der internationalen Standards sowie des Umweltschutzes gibt es, in derPraxis werden diese aber ignoriert. Erforderliche Maßnahmen, um Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden zu verhindern, werden somit nicht umgesetzt. Ölfirmen fordern staatliche Sicherheitskräfte an, um Proteste gewaltsam niederzuschlagen und bekommen diese problemlos.
Besonders betroffen ist die ärmere Landbevölkerung. Die mögliche Verbesserung ihrer Lebenssituation ist nicht eingetreten, im Gegenteil. Ihre Existenzgrundlagen wurden zerstört. Eine weitere Folge sind gesundheitliche Probleme, da die Menschen verschmutztes Wasser trinken und damit kochen müssen. Die Fische sind mit Erdöl und anderen Giften kontaminiert, die Luft durch Erdöl und Gas verseucht.
Die meisten Fälle, über die AI berichtet hat, beziehen sich auf Shell. 1993 zog sich Shell aus dem Ogoniland, nicht aber aus dem Niger-Delta zurück (2009 zahlte Shell 15 Mio. $ an Ken Saro Wiwas Familie). Shell hat die dort verbleibenden Anlagen nicht gesichert und gewartet. Nach wie vor wird Öl durch Shell-Pipelines aus anderen Teilen dieser Region durch das Ogoniland transportiert.
Im Sommer 2011 stellt ein Bericht des UNO-Umweltprogramms UNEP fest, dass sich die Geschäfte von Shell auf die Menschenrechtssituation im Ogoniland verheerend ausgewirkt haben. Die über Jahrzehnte andauernde Ölverschmutzung hat einen derartigen Schaden angerichtet, dass es mindestens 25 Jahre dauern könnte, bis sich das Gebiet erholt haben wird. Die UNO empfahl die Gründung eines Umweltsanierungsfonds mit einer Milliarde US-Dollar als Startkapital.
Zwei Berichte von AI (2009 und 2011) belegen zusätzlich, dass die Ölindustrie für die weit verbreitete Umweltverschmutzung und die damit in Zusammenhang stehenden Menschenrechtsverletzungen im Niger-Delta verantwortlich ist. AI und Friends of the Earth International brachten im Jänner 2011 eine Beschwerde wegen Verletzung der Grundsätze einer verantwortungsvollen Unternehmensführung der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) ein. Shell wird vorgeworfen, irreführende Informationen verbreitet zu haben, um die Schuld größtenteils auf Sabotageakte abzuwälzen. AI fordert von Shell, die Empfehlung im UNEP-Bericht umzusetzen und eine Milliarde US-Dollar als Startkapital für die Sanierung des Gebietes zu zahlen. Aktuelle Informationen finden Sie unter nigerdelta.amnesty.at.
Sylvia Pumberger
Quellen:
Amnesty International: Nigeria. Petroleum, pollution and poverty in the Niger Delta. (Juni 2009)
Amnesty International: The True Tragedy. Delays and failures in tackling oil spills in the Niger Delta. (November 2011, Öffentliche Erklärungen von Amnesty International)
Alle Informationen zugänglich über www.amnesty.org.


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September 15th, 2012 at 18:39
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