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Archive for September, 2015

Kerze der Hoffnung Oktober 2015: Russische Föderation – Rasul Kudaev

September 30, 2015 By: Gruppe08 Category: Allgemein Comments Off on Kerze der Hoffnung Oktober 2015: Russische Föderation – Rasul Kudaev

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Rasul Kudaev wurde am 23. Oktober 2005 wegen der mutmaßlichen Beteiligung an einem bewaffneten Überfall auf Regierungsanlagen in der Stadt Naltschik in der russischen Republik Kabardino-Balkarien festgenommen. Im Zusammenhang mit diesem Überfall wurde gegen insgesamt 58 Personen Anklage erhoben. Sowohl bei seiner Festnahme als auch während seiner mehrtägigen Inhaftierung bei der Polizeieinheit für organisierte Kriminalität (UBOP) wurde Rasul Kudaev gefoltert und anderweitig misshandelt. Anschließend verlegte man ihn in das Untersuchungsgefängnis SIZO 1. Rasul Kudaev leidet Berichten zufolge an einer Erkrankung, welche die Funktion seines Herzens und seiner Nieren beeinträchtigt und erhält nicht die erforderliche medizinische Behandlung.

Am 23. Dezember 2014 verurteilte der Oberste Gerichtshof von Kabardino-Balkarien Rasul Kudaev zu lebenslanger Haft. Bisher hat noch keine Untersuchung zu den von ihm erhobenen Foltervorwürfen stattgefunden. Er beteuert weiterhin seine Unschuld.

Der Fall von Rasul Kudaev ist ein eklatantes Beispiel dafür, dass PolizeibeamtInnen in Russland während laufender Ermittlungen immer wieder Folter und anderweitige Misshandlungen einsetzen, um “Geständnisse” zu erhalten. Zudem zeigt sein Fall, dass die Behörden Vorwürfen über derartige Misshandlungen nicht ausreichend nachgehen.

Bitte schreiben Sie höflich formulierte Briefe an den Generalstaatsanwalt der Russischen Föderation, in denen Sie ihn auffordern, eine umfassende und unabhängige Untersuchung zu der mutmaßlichen Folterung von Rasul Kudaev einzuleiten, die Ergebnisse der Ermittlungen zu veröffentlichen und die Verantwortlichen vor Gericht zu stellen. Bitten Sie ihn darum, sicherzustellen, dass Rasul Kudaev und die weiteren Angeklagten ein Rechtsmittelverfahren erhalten, das internationalen Standards für faire Verfahren entspricht. Fordern Sie den Generalstaatsanwalt außerdem auf, dafür zu sorgen, dass Rasul Kudaev bis zu seiner Freilassung jegliche erforderliche medizinische Behandlung erhält.

Die Kerze der Hoffnung brennt für Rasul Kudaev.

Vorlagen für Briefe/Petitionen finden Sie unter folgendem Link: Kerze der Hoffnung Oktober 2015.

Monika Mandl

 

Amnesty informiert: Mission Traiskirchen

September 24, 2015 By: Gruppe08 Category: Allgemein Comments Off on Amnesty informiert: Mission Traiskirchen

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Wir stellen den Amnesty-Bericht zur Bundesbetreuungsstelle Traiskirchen vor und befragen Daniela Pichler, die die Amnesty-Mission in Traiskirchen geleitet hat, zu ihren Eindrücken.

Die in diesem Sommer zu Tage getretenen Zustände in der Bundesbetreuungsstelle für Asylwerbende in Traiskirchen haben zu viel Kritik und öffentlicher Diskussion darüber geführt, wie Österreich mit Flüchtlingen umgeht bzw. umgehen soll.

Am 6. August hat Amnesty International die Einrichtung besucht und sich Situation der untergebrachten Menschen angesehn. Danach übte Amnesty deutliche Kritik an den zuständigen Behörden. Im Bericht “#MissionTraiskirchen” sind die Ergebnisse der Mission festgehalten.

Wir fassen diese zusammen und haben außerdem ein Interview mit Mag.a Daniela Pichler, die die Amnesty-Mission geleitet hat. Dabei gehen wir auch der Frage nach, was sich seit dem Amnesty-Bericht in Traiskirchen getan hat.

Wie immer geben wir auch eine kurzen Überblick über aktuelle Meldungen zum Thema Menschenrechte.

Gestaltung: Martin Walther, Sarah Berger, Moderation: Martin Walther

Das Gruppe 8-Radioteam

Seine letzte Fahrt

September 14, 2015 By: Gruppe08 Category: Allgemein Comments Off on Seine letzte Fahrt

 

Wir freuen uns, dass uns Michaela Röck ihren Text “Seine letzte Fahrt” zur Verfügung gestellt hat und wir ihn auf unserer Website präsentieren dürfen. Es handelt sich um einen fiktiven, literarischen Text, darin geäußerte Meinungen müssen nicht mit jenen von Amnesty übereinstimmen.

 

Seine letzte Fahrt

Von Michaela Röck

Ich möchte mit meinem Text aufmerksam machen. Aufmerksam auf das was gerade in unserer Welt passiert. Direkt vor unseren Haustüren, auf unseren Straßen. Ich habe keine Lösung parat für die Dramen, die sich täglich in unserem schönen Europa abspielen. Mein Mitgefühl gilt nicht nur den Flüchtlingen, die ihr Leben auf´s Spiel setzen, damit sie in ein europäisches Land gelangen und ein neues Leben beginnen können. Die nicht wissen, was sie hier wirklich erwartet, wenn sie die Reise überhaupt überleben. Mein Mitgefühl gilt auch all jenen, die täglich ihre Menschlichkeit unter Beweis stellen müssen. Flüchtlingsbetreuer, diejenigen, die die Asylbescheide bearbeiten, Zollwachbeamte, Polizisten, Ärzte, Sanitäter, Menschen, die Zaun an Zaun mit Flüchtlingen leben und eben LKW-Fahrer. Sie sehen täglich, was auf unserer Welt los ist.

Der Text ist reine Fiktion. Ich habe vor Wochen einen Fernsehbericht gesehen, in dem ein LKW-Fahrer auf seiner Route nach Spanien von einem Reporter begleitet wurde. Alles Weitere entspringt meiner Fantasie. Aber ich glaube an das Gute im Menschen und daran, dass grundsätzlich jeder Mensch helfen will.

 

Er war angespannt. Hatte einen nervösen Magen. Er verstand überhaupt nicht, warum sie ihm diese Route gegeben hatten. Genau diese Route! Sie hätte ihm ja auch etwas Gemütliches geben können. Nach Hamburg zum Beispiel oder nach Rotterdam. Aber nein, er hatte die Arschkarte gezogen. Genau die Route, die keiner fahren wollte. Und das auf seiner letzten Fahrt.

Er näherte sich dem Hafen von Patras. Abends wurden die Temperaturen zwar etwas angenehmer, aber ihm lief trotzdem der Schweiß in Strömen über den Rücken. Er hatte sich ein Handtuch um den Hals gelegt und die Klimaanlage so kalt er es gerade noch vertrug eingeschaltet. Er rutschte nervös auf seinem Sitz herum. Seit sie die Camps geschlossen hatten, in denen sie frisches Wasser und Strom hatten, hausten sie überall. Sie waren dunkel angezogen und hockten unten den Palmen, in den Büschen, hinter den Leitplanken. Und sobald man im Hafengebiet langsamer fahren musste oder gar zu stehen kam, rannten sie los und hängten sich auf die Achsen. Versteckten sich im Radkasten, stemmten die Ladetür auf oder schlitzten mit einem Teppichmesser die LKW-Plane auf. Er hatte diese Scheiße schon oft genug gesehen und von anderen Truckern gehört. Wenn einem das passiert, war man dran. Als Fahrer wurde man eingelocht, der LKW wurde beschlagnahmt, die Spedition musste blechen. Er konzentrierte sich. Die Sonne stand gerade so, dass weder die Sonnenbrille noch die Sonnenblende richtig Abhilfe schaffen konnten. Hatte er im Rückspiegel einen Schatten gesehen? Er war sich nicht sicher. Dort, hinter dem Busch hatte sich etwas bewegt. Da ging einer in die Höhe. Nein, er hockte sich wieder hin. Hatte wohl mein Kennzeichen gesehen. Österreich war Gott sei Dank nicht so begehrt wie Italien oder Deutschland. Aber Hauptsache, sie kamen auf die Fähre nach Italien. Mehr wollten sie nicht. Denn in Griechenland konnten sie nicht bleiben. Hier bekamen sie kein Asyl, hier hatten sie keine Zukunft.

Er nahm einen Schluck vom längst erkalteten Kaffee. Er würde weiter vorne, außerhalb der Sichtweite vom Zoll noch einmal stehenbleiben und nachsehen. Er hatte keinen Bock drauf, dass auf seiner letzten Fahrt etwas passierte. Er war fertig. Fertig mit dieser Scheiß-Welt. ER hatte weiß Gott genug gesehen in seinen langen Jahren als Fernfahrer. In seinen jungen Jahren hatte es noch Spaß gemacht. All die großen Häfen, die Schiffe, das Abhängen in den Hafenkneipen. Aber die Welt ist in den letzten Jahren immer brutaler geworden. Drogen, Menschenhandel und die Gier nach diesem verdammten Geld. Ein Menschenleben war nichts mehr wert. Oder gerade so viel, wie man an einem Menschen verdienen konnte. Danach war es wertlos. Er hatte blutjunge Mädchen gesehen, die unter dem Schein der Verliebtheit nach Rotterdam gebracht wurden und als Prostituierte endeten. Und drogenabhängig womöglich noch dazu. Oder die Schlepper, die die Menschen wie Ware zusammengepfercht in Lieferwägen nach Europa brachten und irgendwo ausließen. Wenn sie überhaupt lebend ankamen, so wie die 71 Flüchtlinge auf der Ostautobahn, die nur mehr tot geborgen werden konnten. Was für eine Scheißwelt war das eigentlich?

Er fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen. Er war müde. Nicht nur von der langen Fahrt und der Hitze. Nein er war müde vom Leben. Er würde sich zurückziehen in sein kleines Haus im Waldviertel. Er würde Wien hinter sich lassen und in sein Wochenendhäuschen ziehen. Und dort würde er den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Aber zuerst musste er noch diese Tour zu Ende bringen. Er rollte langsam weiter. Ja, dort vorne war ein guter Platz, um den Lastwagen noch mal zu checken. Da konnten ihn die vom Zoll noch nicht sehen, und die Flüchtlinge konnten nicht mehr auf den LKW klettern, ohne dass er sie sah. Er kletterte aus seinem Fahrerhaus. Sperrte den LKW ab und ging rundherum. Er legte sich halb unter dem LKW und kontrollierte die Achsen. Nichts. Er sah gerade in den Zwischenraum zwischen Fahrerhaus und Ladung als ein Truck neben ihm hupte. Der Fahrer, aus Rumänien sah er mit Blick auf das Kennzeichen, fragte: „Everything ok? Have you problems with the refugees?“ Er wehrte ab „No, no. Everything ok. Just a check.“ Zur Bestätigung, dass er verstanden hatte, hob der rumänische Fahrer die Hand und rollte weiter Richtung Zoll.

Er ging seine Runde um den LKW fertig, sperrte wieder auf und stieg ein. Gut, dass er hinten an der Ladetür ein extra Sicherheitsschloss angebracht hatte. Hier konnten sie auf alle Fälle nicht rein. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und Körper, legte die Papiere für den Zoll bereit und startete. So, die letzte Zollkontrolle bevor er auf die Fähre rollen würde. Er rollte langsam an die nächste freie Stelle, schnappte sich die Papiere und stieg aus. Der Zollbeamte wartete bereits, grüßte kurz und nahm die Papiere entgegen. Ein Sicherheitstyp stieg in den LKW, kontrollierte das Führerhaus, die Schlafkoje. Ein anderer ging rund um den LKW, leuchtete mit der Taschenlampe unten alles ab, sah auf den Achsen nach. Der eine Sicherheitsmann stieg aus und warf ihm ein knappes “ok“ zu. Der andere bewegte sich hinter die Fahrerkabine, um in den Zwischenraum zwischen Kabine und Ladung zu leuchten. Er ging mit, mittlerweile schweißgebadet – er hielt diese Hitze einfach nicht mehr aus. Der Zöllner schaltete die starke Stableuchte ein und begann systematisch jede Ritze auszuleuchten, als ein Tumult beim rumänischen LKW nebenan losschlug. „Stop! Refugees! Refugees!“ Vom LKW nebenan sah er zwei dunkel gekleidete junger Männer wegrennen. Sie mussten sich am rumänischen LKW versteckt haben. In die Zöllner kam Bewegung. Auch die beiden Sicherheitsleute, die gerade seinen Truck kontrollierten, versuchten die jungen Männer zu stoppen. Schließlich überwältigten sie sie, hielten sie fest und funkten die Polizei an. „Scheiße“, dachte er. „Echt Scheiße für den Rumänen“. Er drehte sich um und wandte sich wieder seinem eigenen LKW zu. „Glück gehabt!“, dachte er und wischte sich wieder einmal den Schweiß von der Stirn. Wie erstarrt hielt er in seiner Bewegung inne. Hatte er schon Halluzinationen oder war da was? Es war nur ein Schatten, der sich bewegte im Spalt zwischen Führerhaus und Ladung. Dann wieder dunkel. Still. Er trat einen Schritt näher heran. Sein Herz pochte wie verrückt, der Schweiß rann in Strömen. Kein Zweifel. Da war was. Verdammt, da hatte sich jemand versteckt! Was sollte er tun? Die Zöllner und Sicherheitsleute waren noch mit den Flüchtling vom rumänischen LKW und dem Fahrer beschäftigt. Sollte er laut schreien? Sollte Zeter und Mordio schreien, damit der arme Teufel einfach davon lief? Aber dann wäre auch er dran! Es war sein LKW, auf dem sich der Flüchtling versteckt hatte. Seine Verantwortung. Was sollte er machen? Scheiße, scheiße, scheiße. Warum jetzt? Warum heute? Er hatte keine Lust darauf, eingesperrt zu werden, sowie es diesem österreichischen Fernfahrer passiert ist. Verhört. Auf den Stress mit der Spedition. Er wollte in Ruhe in Pension gehen. Er hatte genug erlebt. Er wollte keinen Ärger mehr haben. Er ging langsam zur Beifahrertür. Er hatte das Gefühl, als hätte er Gipsbeine. Er öffnete beinahe lautlos die Tür und tat so als würde er nach Papieren suchen. Er ließ die Tür einen Spalt offen. Er ging zurück. Verflucht noch mal, was tat er hier eigentlich? Er machte dem Schatten ein Zeichen zur Fahrerkabine hin. Dann drehte er sich um und ging um den LKW herum, sodass er die Zöllner und Sicherheitstypen im Auge behalten konnte. Was tat er hier eigentlich? Er wusste es selber nicht. Aber seit er von diesen 71 Flüchtlingen gehört hatte, die in dem Kühltransporter ums Leben gekommen waren, waren das nicht mehr irgendwelche Schicksale für ihn. Verdammt, das waren auch Menschen, die ein Recht auf ihr Leben hatten. Und keine Ware, an der man verdienen konnte.

Eine merkwürdige Ruhe breitete sich in ihm aus. Eine Ruhe, wie er sie schon lange nicht mehr verspürt hatte. Er hatte keine Angst mehr. Sollten sie ihn einsperren. Sollten sie ihn verhören. Seinen Job konnte er ja nicht mehr verlieren, er würde ja mit Ende dieses Monats in Pension gehen. Seine Spedition würde Probleme bekommen, ja sicher. Aber wenn er diesen Einen mit nach Italien oder Österreich nahm, diesen Einen, dann hatte er vielleicht Einem das Leben gerettet. Er drehte sich vorsichtig um. Die Beifahrertür war zu. Also hatte er es in den LKW geschafft. „Die Videoüberwachung!“ schoss es ihm durch den Kopf. „Die haben sicher Videoüberwachung hier!“. Daran konnte er jetzt auch nichts mehr ändern. Mit dem Risiko musste er jetzt leben. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie jetzt noch mal Führerhaus kontrollierten war gering. Sie würden sich jetzt sicher die Ladung vornehmen. Er straffte sich. Der Zöllner und die Sicherheitsleute kamen zu seinem Fahrzeug zurück. „These fucking refugees!“ sagte der eine. Er nickte. „Yes.“ sagte er. Der Zöllner leuchtete jede Fuge im Zwischenraum aus, kontrollierte nochmals die Achsen, ging rund ums Fahrzeug, kontrollierte den Laderaum und ging mit den Papieren zum Computer.

Er stand einfach da. Eine leichte Brise war aufgekommen. Er schwitzte nicht mehr. Er fröstelte. Er blieb einfach stehen mit hängenden Armen. Es würde so und so seine letzte Fahrt sein. Der Zöllner kam zurück und gab ihm die Papiere. „Everything ok.“ sagte er und tippte auf seine Mütze. „Gar nichts war ok“ dachte er, murmelte einen Gruß und kletterte ins Führerhaus. „Jetzt fängt alles erst an!“ und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen.